Umgang mit Perfektionismus: Zwischen gesundem Anspruch und Überforderung

Umgang mit Perfektionismus: Zwischen gesundem Anspruch und Überforderung

„Es muss perfekt sein.“
Dieser Satz kann antreiben – oder kaputtmachen. Perfektionismus sorgt oft für hohe Qualität, aber auch für Überstunden, Selbstzweifel und Stress im Team.

Dieser Artikel hilft Dir, Deinen Anspruch so zu steuern, dass er leistungsfördernd statt lähmend wirkt – für Dich selbst und (wenn Du führst) für Dein Team.


Was ist Perfektionismus – und was nicht?

Perfektionismus ist mehr als „ich arbeite gern sorgfältig“.

Typische Merkmale:

  • extrem hoher Anspruch an Dich selbst (und oft auch an andere),
  • starke Angst vor Fehlern oder Kritik,
  • Schwarz-Weiß-Denken: perfekt oder schlecht – dazwischen gibt es wenig,
  • Aufgaben dauern übermäßig lange, weil Du immer weiter optimierst.

Nicht zu verwechseln mit:

  • gesundem Qualitätsbewusstsein: „Ich möchte gute Arbeit abliefern.“
  • Professionalität: „Bestimmte Standards müssen eingehalten werden.“

Gesunder Anspruch ist zielorientiert – Perfektionismus ist fehlervermeidend.

Woran Du ungesunden Perfektionismus erkennst

Typische Anzeichen:

  • Du schiebst Aufgaben auf, weil Du „noch nicht optimal vorbereitet“ bist.
  • Du brauchst viel länger als andere – nicht wegen Komplexität, sondern wegen Feinschliff.
  • Du ärgerst Dich lange über kleine Fehler oder Rückmeldungen.
  • Du hast Schwierigkeiten, Aufgaben abzugeben („Niemand macht das so gut wie ich“).
  • Lob kommt nicht richtig an („War doch selbstverständlich / kein großes Ding“).

Fragen an Dich:

  • Wie oft denkst Du: „Das hätte besser sein müssen“ – auch wenn alle zufrieden sind?
  • Wie schwer fällt es Dir, etwas abzugeben, obwohl es objektiv gut ist?

Die Kehrseite von Perfektionismus

Für Dich:

  • Dauerstress, Selbstabwertung, innere Unzufriedenheit,
  • erhöhtes Risiko für Erschöpfung und Überlastung,
  • weniger sichtbare Ergebnisse, weil Du „im Stillen“ optimierst.

Für das Team:

  • Projekte verzögern sich,
  • Delegation wird schwierig – Du hältst zu viel bei Dir,
  • andere fühlen sich ständig „nicht gut genug“ neben Dir,
  • Zusammenarbeit leidet, weil Du schwer zufrieden zu stellen bist.

Gesunder Anspruch vs. Perfektionismus

Ein hilfreicher Vergleich:

Gesunder Anspruch

  • „Ich will gute Arbeit leisten.“
  • „Fehler sind ärgerlich, aber menschlich.“
  • „Ich kenne den Punkt, an dem es gut genug ist.“

Perfektionismus

  • „Es darf keinen Fehler geben.“
  • „Wenn etwas schiefläuft, heißt das, ich bin nicht gut genug.“
  • „Besser gar nicht anfangen, als etwas Mittelmäßiges abzuliefern.“

Zentral ist die Frage:

„Was ist hier wirklich der angemessene Qualitätsstandard?“

Nicht jede E-Mail braucht die Sorgfalt einer Abschlusspräsentation für den Vorstand.


Strategien im Umgang mit Deinem Perfektionismus

1. „Gut genug“ bewusst definieren

Vor einer Aufgabe:

  • Was ist das konkrete Ziel?
  • Wer ist die Zielgruppe? (Kolleg*in vs. Vorstand vs. Kunde)
  • Wie wichtig ist Perfektion hier wirklich? (Skala 1–10)

Leitfragen:

  • „Woran erkenne ich, dass diese Aufgabe erledigt ist – nicht perfektioniert?“
  • „Was wären sinnvolle Mindestkriterien?“

Beispiel:

  • E-Mail intern: verständlich, vollständig, höflich → 10 Minuten.
  • Konzept fürs Management: strukturiert, plausibel, sauber argumentiert → mehr Tiefe.

2. Zeitbudgets setzen – und einhalten

Gib Dir selbst einen Rahmen:

  • „Ich investiere maximal 45 Minuten in diese Präsentation.“
  • „Für diese Auswertung nehme ich mir 1,5 Stunden – dann ist Schluss.“

Stell Dir gern einen Timer. Wenn die Zeit um ist:

  • kurz prüfen: Erfüllt das Ergebnis die definierten Mindestkriterien?
  • wenn ja: abgeben; wenn nein: gezielt nacharbeiten, nicht weiter „polieren“.

So trainierst Du, Zeit und Qualität bewusst zu balancieren.

3. Mit Fehlern anders umgehen

Statt:

  • „Ich darf keinen Fehler machen.“

versuche:

  • „Ich minimiere Fehler – und wenn sie passieren, lerne ich daraus.“

Nach einem Fehler:

  • Was ist konkret passiert?
  • Was davon lag in meiner Verantwortung, was nicht?
  • Was lerne ich daraus für’s nächste Mal?
  • Was kann ich konkret anders tun (statt mich nur zu tadeln)?

Schreib Dir bei größeren Fehlern 2–3 Lernsätze auf – das lenkt den Fokus von Selbstkritik auf Entwicklung.

4. Delegieren – auch wenn es anders gemacht wird

Wenn Du delegierst:

  • Akzeptiere, dass andere Dinge anders machen (nicht automatisch schlechter).
  • Definiere das Ergebnis klar – nicht jedes Detail des Weges.
  • Vereinbare Checkpoints, statt alles am Ende zu „retten“.

Satzbausteine:

„Mir ist wichtig, dass am Ende X erreicht ist. Wie Du dahin kommst, kannst Du selbst entscheiden. Lass uns einen Zwischenstand in einer Woche machen, falls Du Fragen hast.“

Übe bewusst, nicht bei jeder Kleinigkeit einzugreifen.


Deine innere Stimme: Glaubenssätze erkennen und lockern

Hinter Perfektionismus stecken oft innere Sätze wie:

  • „Ich bin nur wertvoll, wenn ich fehlerlos leiste.“
  • „Wenn ich einen Fehler mache, werde ich abgelehnt.“
  • „Andere erwarten von mir Perfektion.“

Frag Dich:

  • Ist dieser Satz wirklich wahr – immer, in jeder Situation?
  • Woher kenne ich diesen Satz? (frühere Erfahrungen, Vorbilder, Kultur)
  • Welcher Satz wäre hilfreicher, ohne dass ich meine Qualität aufgebe?

Beispiele für neue Sätze:

  • „Ich darf professionell und menschlich sein – Fehler gehören dazu.“
  • „Mein Wert hängt nicht an einer einzelnen Leistung.“
  • „Ich gebe mein Bestes im Rahmen des Realistischen – das ist genug.“

Du musst diese Sätze nicht „glauben“, aber Du kannst sie Dir bewusst entgegenhalten, wenn der Perfektionismus laut wird.


Als Führungskraft: Gut mit Perfektionist*innen umgehen

Vielleicht bist Du selbst perfektionistisch – oder Du hast Perfektionist*innen im Team.

Typische Stärken:

  • hohe Zuverlässigkeit,
  • sehr gute Qualität,
  • sorgfältige Vorbereitung.

Typische Risiken:

  • Überlastung, wenig Grenzen,
  • Schwierigkeiten beim Delegieren,
  • Unzufriedenheit, wenn andere „nicht so genau“ arbeiten.

Als Führungskraft kannst Du unterstützen:

Erwartungen an Qualität klar machen

  • „Hier genügt 80 %-Qualität, Hauptsache pünktlich.“
  • „Hier ist Genauigkeit extrem wichtig, nimm Dir Zeit.“

Feedback zu realistischen Standards geben

  • „Das ist gut so – zusätzlicher Feinschliff lohnt sich hier nicht mehr.“
  • „Dein Anspruch ist hoch, und das schätze ich. Lass uns schauen, wo er sinnvoll ist und wo nicht.“

Grenzen schützen

  • Arbeitslast offen besprechen und ggf. Aufgabenpriorisierung übernehmen.
  • Lob nicht nur für perfekte Ergebnisse geben, sondern auch für effiziente, pragmatische Lösungen.

Drei kleine Schritte, mit denen Du heute starten kannst

Eine Aufgabe bewusst „80 % fertig“ machen

  • Wähle eine mittelwichtige Aufgabe.
  • Definiere vorher: „Was ist hier gut genug?“
  • Stoppe, wenn das erreicht ist – und gib sie ab.

Nach einem kleinen Fehler Lernfragen stellen

  • Statt Dich zu verurteilen, notiere:
    • „Was genau ist passiert?“
    • „Was nehme ich fürs nächste Mal mit?“

Einen inneren Glaubenssatz hinterfragen

  • Schreib einen typischen Satz auf, z. B. „Ich darf mir keinen Fehler erlauben.“
  • Ergänze: „… und trotzdem bin ich okay, wenn ich aus meinen Fehlern lerne.“

Perfektionismus ist kein Feind, den Du besiegen musst, sondern ein Teil von Dir, den Du führen darfst. Mit etwas Bewusstsein und Übung kann aus bremsendem Perfektionismus ein gesunder Anspruch werden, der Dich und Dein Umfeld voranbringt – ohne Dich auszubrennen.