Viele Menschen gehen krank zur Arbeit oder arbeiten im Homeoffice weiter, obwohl der Körper klar signalisiert: Pause. Das nennt man Präsentismus. Er entsteht oft nicht aus „Härte“, sondern aus Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein oder Angst, andere im Stich zu lassen.
Kurzfristig wirkt Präsentismus manchmal wie Einsatz. Langfristig kostet er häufig Gesundheit, Qualität und Teamleistung – und kann im schlimmsten Fall zu längeren Ausfällen führen.
Dieser Artikel zeigt Dir, wie Du Präsentismus erkennst, warum er so verbreitet ist und wie Du als Mitarbeitende*r oder Führungskraft verantwortungsvoll damit umgehst.
Was ist Präsentismus?
Präsentismus bedeutet: Du bist körperlich oder psychisch krank, arbeitest aber trotzdem – im Büro oder remote. Das kann heißen:
- Du schleppst Dich mit Erkältung in Meetings.
- Du arbeitest mit Fieber „nur ein bisschen“.
- Du bist erschöpft oder mental angeschlagen, funktionierst aber weiter.
- Du bist offiziell krankgeschrieben, beantwortest aber trotzdem Mails und Chat-Nachrichten.
Wichtig: Präsentismus ist nicht nur ein individuelles Thema, sondern häufig auch ein Kultur- und Systemthema (Arbeitslast, Erwartungen, Teamnormen).
Warum Präsentismus so häufig ist
Typische Gründe:
-
Pflichtgefühl & Loyalität
- „Ich kann das Team nicht hängen lassen.“
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Angst vor negativen Konsequenzen
- „Was, wenn das schlecht ankommt?“
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Hohe Arbeitslast / Personalmangel
- „Wenn ich ausfalle, wird alles noch schlimmer.“
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Perfektionismus und Kontrollbedürfnis
- „Ohne mich wird das nicht gut.“
-
Kultur und Vorbilder
- „Hier arbeitet man auch krank – das gehört dazu.“
-
Homeoffice als „Grauzone“
- „Ich bin ja nicht im Büro, dann geht’s schon.“
Präsentismus fühlt sich oft nach Stärke an – ist aber häufig ein Warnsignal, dass Grenzen und Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Warum Präsentismus problematisch ist (auch wenn Du „nur kurz“ arbeitest)
1. Du verlängerst oft Deine Krankheit
Der Körper braucht Energie, um gesund zu werden. Wenn Du arbeitest, fehlt diese Energie.
Ergebnis:
- Die Krankheit zieht sich länger.
- Das Risiko steigt, dass aus „klein“ etwas Größeres wird.
- Du kommst schneller in einen Erschöpfungszustand.
2. Du steckst andere an (bei Infekten)
Im Büro ist das offensichtlich – aber auch in Präsenzterminen, beim Pendeln oder im Meetingraum.
Das kann zu Kettenreaktionen führen:
- Mehr Ausfälle im Team
- Leistungsabfall und Druck für alle
3. Qualität und Sicherheit leiden
Wenn Du krank bist, bist Du oft:
- weniger konzentriert,
- fehleranfälliger,
- langsamer,
- schneller gereizt.
Gerade bei Aufgaben mit hoher Verantwortung (Kund*innenkontakt, Zahlen, Entscheidungen, technische Sicherheit) ist das Risiko real.
4. Du setzt (unbewusst) einen Teamstandard
Wenn Du krank arbeitest, signalisierst Du:
- „So macht man das hier.“
- „Erholung ist zweitrangig.“
- „Man muss funktionieren.“
Das kann andere in denselben Modus ziehen – auch wenn Du es nicht willst.
Der entscheidende Perspektivwechsel: Auskurieren ist professionell
Eine hilfreiche Frage:
„Was ist für das Team und die Ergebnisse langfristig besser:
Zwei Tage konsequent auskurieren – oder zwei Wochen halb krank arbeiten?“
In vielen Fällen ist die professionelle Entscheidung:
- klar kommunizieren,
- Verantwortung geordnet übergeben,
- wirklich krank sein dürfen.
Was Du als Mitarbeitende*r tun kannst
1. Früh ehrlich sein – statt „durchziehen“
Wenn Du merkst, es geht nicht:
- Melde Dich frühzeitig (möglichst morgens, nicht erst mittags, wenn alles brennt).
- Sag klar, dass Du krank bist und nicht arbeitsfähig.
Formulierungen:
- „Ich bin heute krank und arbeitsunfähig. Ich melde mich, sobald ich wieder fit bin.“
- „Ich merke, dass ich mich auskurieren muss. Ich bin heute nicht einsatzfähig.“
2. Kurze, saubere Übergabe statt halbes Arbeiten
Wenn Du noch kurz kannst (und es sinnvoll ist), mach eine Mini-Übergabe – aber ohne dich in Arbeit reinziehen zu lassen:
- Top 3 laufende Themen
- Was ist dringend, was kann warten?
- Wer kann übernehmen?
- Wo liegen die Infos?
Beispiel:
„Ich bin krank und heute raus. Für Thema A ist die nächste Deadline am Mittwoch, Infos liegen in Ordner X. Thema B kann bis nächste Woche warten. Für Rückfragen bitte an Person Y.“
Wichtig: Das ist eine kurze Stabilisierung – keine „Work-from-sick“-Routine.
3. Klare Grenzen: Keine Mails im Krankenstand
Wenn Du krank bist, bist Du krank. Punkt.
Hilfreich:
- Benachrichtigungen aus
- Abwesenheitsstatus setzen (wenn möglich)
- Team/Lead bitten, Dich nur bei echten Notfällen zu kontaktieren (und definieren, was das ist)
Wenn Du merkst, dass Du aus Angst checkst:
- Lege ein „Anti-Impulse“-Ritual fest (Handy weg, kurze Atemübung, Spaziergang).
4. Schuldgefühle ernst nehmen – aber nicht folgen
Schuldgefühl ist häufig ein Zeichen von Verantwortung. Es heißt aber nicht, dass Du falsch handelst.
Fragen, die helfen:
- „Was würde ich einer Kollegin/einem Kollegen raten, der/die krank ist?“
- „Was ist fairer für das Team: mich auskurieren oder anstecken/Fehler machen?“
Was Du als Führungskraft tun kannst (Hebelwirkung!)
1. Erwartungen klar machen: Krank ist krank
Sag explizit:
- „Wenn Du krank bist, kurier Dich aus. Bitte nicht arbeiten.“
Das klingt selbstverständlich – muss aber oft wirklich ausgesprochen werden.
2. Vorbild sein
Wenn Du selbst krank arbeitest oder „nur kurz“ Mails beantwortest, lernen andere:
- „Erholung ist hier nicht erlaubt.“
Wenn Du stattdessen klar offline gehst, lernen sie:
- „Gesundheit hat Priorität.“
3. Vertretungen und Prozesse so gestalten, dass Abwesenheit möglich ist
Präsentismus entsteht oft, weil alles an Einzelnen hängt.
Hilfreich:
- Stellvertretungen definieren
- Wissen dokumentieren (nicht nur im Kopf)
- Aufgaben so verteilen, dass nicht eine Person „unersetzlich“ ist
- realistische Priorisierung, wenn jemand ausfällt (nicht „alles muss trotzdem“)
Ein guter Satz nach oben:
- „Person X ist krank. Wir schaffen daher diese Woche A und B, C verschieben wir.“
4. Nicht belohnen, was eigentlich ungesund ist
Achte auf Teamdynamik:
- Lob für krankes Arbeiten („Respekt, dass Du trotzdem da bist“) verstärkt Präsentismus.
- Besser anerkennen:
- „Danke für die kurze Übergabe – kurier Dich aus.“
Teamkultur: So reduziert Ihr Präsentismus gemeinsam
Ihr könnt als Team klare Spielregeln vereinbaren, z. B.:
- Bei Krankheit: keine Erwartung an Antworten.
- Abwesenheitsnotiz/Status wird respektiert.
- Vertretung ist geregelt und wird akzeptiert.
- Bei Ausfall wird priorisiert (nicht alles bleibt gleich dringend).
Ein kurzes Team-Check-in kann helfen:
- „Wie gehen wir mit Krankheit um?“
- „Was brauchen wir, damit man wirklich ausfallen kann, ohne schlechtes Gewissen?“
- „Welche Tasks müssen wir besser dokumentieren/verteilen?“
Warnsignale: Wenn Präsentismus zum Muster wird
Achte besonders auf Dich (oder im Team) wenn:
- jemand ständig „halb krank“ arbeitet,
- Krankmeldungen selten sind, obwohl offensichtlich Belastung da ist,
- Erschöpfung, Reizbarkeit, häufige Infekte zunehmen,
- „Durchhalten“ kulturell gefeiert wird.
Dann ist es sinnvoll, nicht nur individuell zu sprechen, sondern auch strukturell hinzuschauen: Arbeitslast, Rollen, Personaldecke, Erwartungsmanagement.
Drei kleine Schritte, mit denen Du heute anfangen kannst
Eigenen Standard setzen
- Formuliere für Dich: „Wenn ich krank bin, bin ich offline.“
- Schreib Dir einen Satz für die Krankmeldung zurecht, damit Du ihn im Ernstfall parat hast.
Mini-Übergabe-Template erstellen
- 4 Punkte reichen:
- Dringend / Nicht dringend
- Ansprechpartner*in
- Ablage/Links
- Nächster Schritt
Team- oder 1:1-Gespräch anstoßen (je nach Rolle)
- Mitarbeitende: „Mir fällt auf, dass hier viele krank weiterarbeiten. Wie sehen wir das?“
- Führungskraft: „Ich möchte klar sagen: Krankheit ist kein Arbeitstag. Lasst uns Vertretungen so regeln, dass Auskurieren möglich ist.“